Liebe Freundinnen und Unterstützer der Stadtrevue,
wir haben eine gute Nachricht: Das erste vom Stadtrecherche Verein unterstützte
Recherche-Projekt ist fertig und nun Titelgeschichte im Juni-Heft. Es geht um das ehemalige
Werksgelände von Klöckner-Humboldt-Deutz im Mülheimer Süden. Stadtrevue-Redakteur
Bernd Wilberg und der freie Autor Philipp Haaser wollten wissen, warum auf dem riesigen
Areal immer noch Stillstand herrscht, obwohl in Köln viele tausend Wohnungen dringend
gebraucht werden. Jürgen Salm hat mit Philipp Haaser über die Recherchen gesprochen. Er
ist auch Mitglied im Stadtrecherche e.V.
Es war Eure Idee, diese Geschichte zum Mülheimer Süden zu machen. Was hat Euch daran
interessiert?
Bernd und ich haben uns die Frage gestellt, warum im Baugebiet Mühlheim Süd bis heute
keine einzige Wohnung errichtet wurde, obwohl das Gebiet seit 2013 beplant ist. Also es gibt
erste Entwürfe seit 2013, was da geschehen soll und jetzt, 13 Jahre später, ist keine einzige
Wohnung fertig. Wir haben uns gefragt, wieso.
Habt Ihr eine Antwort darauf gefunden?
Wir hatten dazu natürlich einige Vermutungen. Wir haben uns deshalb vor allem die
Eigentumsverhältnisse angeschaut und wie die gewechselt haben. Wir sind dann auf die
naheliegende Frage gekommen, die auch Initiativen vor Ort gestellt haben: Wurde dort
Spekulation betrieben? Ist das ein Grund dafür, dass bis heute da so wenig entstanden ist?
Welche Rolle spielen Verwaltung und Politik dabei und wie lässt sich das vielleicht in Zukunft
verhindern?
„Straße der Spekulanten“, so haben Initiativen vor Ort sie die Deutz-Mühlheimer Straße
umbenannt. Wie schwierig war es für euch, Einblick zu nehmen in die
Eigentumsverhältnisse?
Das war unterschiedlich. Wir haben Einblick genommen in die Grundbücher. Das kann man
beim Amtsgericht tun, als Journalist erhält man da Auskunft und dann bekommt man so
Seiten, in denen einige Informationen vermerkt sind, insbesondere Eigentumsverhältnisse
und Wechsel derselben, aber auch so etwas wie Grundschulden sind da drin vermerkt und
besondere Wegerechte. In den meisten Fällen sind da Firmen eingetragen. Aber wenn man
den Namen der Firma hat, weiß man oft nicht, wem gehören die Anteile an dieser Firma und
wer steuert sie. Das führt dann dazu, dass man im zweiten Schritt sich das Handelsregister
nimmt und dort zu den Firmen recherchiert. In manchen Fällen sind wir da aber trotzdem zu
keinem Ergebnis gekommen, weil die Gesellschafter nicht genannt werden möchten und
auch alles darangesetzt haben, dass sie unerkannt oder ungenannt bleiben.
Wie viel habt Ihr trotz allem rausbekommen?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Grundstücke, die seit dem Beginn der Planung in den gleichen
Eigentumsverhältnissen geblieben sind. Da war alles relativ gut nachvollziehbar und wir
hatten keine Probleme. An einer Stelle sind wir aber in der Sackgasse gelandet und das war
das Grundstück Coloneo II. Das hat früher mal zu dem Paket gehört, das der
Immobilienunternehmer Christoph Gröner gekauft hat. Das ist dann an die Adler-Gruppe
gegangen und ist dann weiter verkauft worden an eine luxemburgische Holding. Das
konnten wir nachvollziehen. Der Eigentümer im Grundbuch hat nie gewechselt. Das war eine
GmbH und die Eigentümerin der GmbH war eine Muttergesellschaft und da verliert sich
dann die Spur im Handelsregister irgendwann. Da waren die Gesellschafter nicht mehr klar.
Die ist jetzt im Insolvenzverfahren und es gibt nur noch ehemalige Gesellschafter.
Sehr früh war auch die Stadt Köln mit im Spiel. 1997 hat KHD seinen Standort in Mülheim
dicht gemacht. Schon 1992 aber hatte die Stadt Köln einen Teil der Grundstücke erworben
und später an private Investoren verkauft. Doch dann hat sich die Stadt gewundert, dass
die Investoren nach der Räumung des Geländes nicht gebaut haben. War das Naivität oder
Fahrlässigkeit?
Wir haben uns die Mühe gemacht, das wirklich einzeln zu bewerten für die Baufelder.
Vielleicht hilft es, sich die Chronik anzugucken, die wir erstellt haben und die nun im Heft
abgedruckt ist. Dann kriegt man eine Idee davon, wo an welchen Stellen andere
Entscheidungen hätten fallen müssen. Der Baudezernent Markus Greitemann, mit dem wir
gesprochen haben, hat gesagt, dass man früher eine soziale Erhaltungssatzung über das
Gebiet hätte legen müssen, um Einfluss darauf zu nehmen, wenn Grundstücke verkauft
werden. Aber für Greitemann ist es natürlich leicht zusagen, das liegt an den Vorgängern im
Amt.
Es gibt in dem Bereich Mülheim-Süd auch einige Akteure aus der Zivilgesellschaft. Welche
Rolle spielen die?
Die haben großen Verdienst daran, dass der Mülheimer Süden zum Thema in der
städtischen Öffentlichkeit wurde. Dazu gehört „Raum 13“, eine Künstlerinitiative, die da vor
Ort auch schon ansässig war, dann aber raus geklagt wurde aus der KHD-Hauptverwaltung
und später dank des Vorkaufsrechts der Stadt wieder einziehen konnte. Sie mussten aber
auch lange drum kämpfen. Das haben sie mit großem Engagement gemacht hat und auch
beigetragen zu der Debatte, wohin Stadtentwicklung gehen soll. Und außerdem gibt es noch
den Verein Zwischendrin und den Initiativkreis Otto-Langen-Quartier. Das ist ein Verbund
von vielen Vereinen, die sich zusammengeschlossen haben, um Teile der
denkmalgeschützten ehemaligen KHD-Hauptverwaltung zu nutzen. Zu diesem Kreis gehört
auch der ehemalige grüne Ratsherr Jörg Frank.
Ihr habt euch sehr tief in diese Thematik eingegraben. Kannst du ermessen, was jetzt nicht
möglich gewesen wäre, wenn es die finanzielle Unterstützung durch den Stadtrecherche
e.V. nicht gegeben hätte?
Ich glaube, wir hätten die Geschichte so nicht auf die Beine gestellt. Wir hätten einen
Überblick geben können über den aktuellen Stand, den hätten wir uns aus verschiedenen
Stimmen und von verschiedenen Seiten zusammengebaut. Aber dieser Blick in die
Grundbücher, das wäre kaum zu leisten gewesen, zumal wir die ja auch nicht allein
ausgewertet haben, wir sind ja gar keine Experten für Grundbücher, das alles wäre also
sicher nicht möglich gewesen.

