Journalismus oder Autohandel

Rede Jürgen Salm
Im Oktober 26 feiert die Stadtrevue ihren 50igsten Geburtstag.

Im Vorgriff darauf sprach Jürgen Salm die Keynote auf der Versammlung der Stadtrevue Verlagsgenossenschaft am 03.06.2026

50 Jahre sind eine lange Zeit. Vor 50 Jahren wurde in Venezuela die Ölindustrie verstaatlicht und in Deutschland die Gurtpflicht eingeführt. Vor 50 Jahren wurde Ulrike Meinhof in Stuttgart-Stammheim in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. Vor 50 Jahren demonstrierten bei der sogenannten Schlacht um Brokdorf 30.000 Menschen gegen die Atomenergie, und vor 50 Jahren begann im Apartheidsstaat Südafrika der Aufstand von Soweto.
50 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Das sieht man auch an der Stadtrevue, die vor 50 Jahren gegründet wurde. Die Welt war im Umbruch, und da wollte man nicht nur zuschauen, sondern auch dabei sein: Als laute Stimme der Gegenöffentlichkeit, wie man das damals nannte.
Seitdem hat es wieder ein paar Umbrüche gegeben. Dazu gehört, was manchmal als Vibe Shift bezeichnet wird, ein Stimmungsumschwung hin zu konservativen und rechtspopulistischen Positionen. Und diese Verschiebung nach rechts macht sich auch in den Medien bemerkbar. Aktuelles Beispiel: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ sucht dringend konservative Journalisten. Bei einem sogenannten Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten sagte Co-Chefredakteur Jochen Wegner Ende April: „Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person.“ Und weiter: „Wir haben hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können.“ Knapp seien aber „etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen.“

Ich wünsche der Chefredaktion der ZEIT viel Glück bei der Suche, denn das wird nicht leicht. Konservative junge Menschen interessieren sich nämlich für Jobs, mit denen sie anständig Geld verdienen können, und werden deshalb keine Journalisten. Augen auf bei der Berufswahl! Und wenn junge Menschen Christian Lindner gut finden, werden sie erst recht nicht Journalisten, sondern eher Autohändler.

Doch nicht nur bei der ZEIT gibt es die Tendenz, konservative Stimmen noch vorne zu schieben. Ein anderes Beispiel: Ende März gab Bundesbildungsministerin Karin Prien bekannt, dass die Förderung von 200 Projekten im Programm „Demokratie leben!“ bereits zum Jahresende ausläuft. Zur Begründung sagte Prien, man müsse bei der Förderung „mehr auf die Mitte der Gesellschaft zielen“. Betroffen von den Kürzungen sind viele bekannte NGOs, darunter die Amadeo-Antonio-Stiftung in Berlin, die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt und die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Der Kölner Stadt-Anzeiger begrüßte den Stopp der Förderung. In dem Leitartikel vom 25 April heißt es, die stark gewachsene Zustimmung zur AFD zeige, dass das Programm „Demokratie leben“ nicht sonderlich effektiv war. Bestechende Argumentation! Auch die Zahl der Drogenabhängigen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Ist das jetzt ein Beleg dafür, dass die Beratungsstellen gegen Suchtgefahren nutzlos sind? Dass man also ihre Finanzierung einstellen sollte?

Der Autor des Leitartikels, Ludwig Greven, ist kein Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, sondern freier Journalist. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Redakteurinnen und Redakteure dessen Meinung nicht teilt. Aber warum lässt die Chefredaktion ihn den Leitartikel schreiben? Um den konservativen Leserinnen und Lesern ein kleines Hallo zu schenken? Um zeigen, dass woke nicht mehr angesagt ist?

Und jetzt zur Stadtrevue. An Haltung hat es ihr nie gefehlt, ganz im Gegenteil. Im Oktober 1991 haben wir schon einmal gefeiert, damals waren es 15 Jahre Stadtrevue. Für die Jubiläumsausgabe haben wir einige Zeitgenossinnen- und -genossen um Feedback gebeten. Das fiel dann sehr unterschiedlich aus. Der Kölner Medienkritiker Dietrich Leder bescheinigte der Stadtrevue unter den von ihm gelesenen Zeitungen und Zeitschriften „das höchste Maß an Überraschungslosigkeit“. So ganz Unrecht hatte er damit nicht. Zu oft verstand sich die Revue als Sprachrohr der verschiedenen sozialen Bewegungen. Mit dem Mangel an Distanz und Perspektivenvielfalt fehlte dann auch die nötige Reibungsfläche und Spannung.

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